Überwinden von Wasser
Trainer Karen Qualls erklärt, wie du dein Pferd an Bäche bzw. fließende Gewässer gewöhnen kannst.
Text: Karen Qualls, Übersetzung: Sonja Grünauer
Du reitest mit deinem Pferd im Schritt entlang eines traumhaften Weges, genießt den Anblick der Bäume und die Umgebung, als der Augenblick der Wahrheit plötzlich auf dich zukommt: Um deinen Ritt fortzuführen, müsst ihr einen Bach überqueren. Ob dein Pferd nun gelassen weitergeht oder stattdessen stoppt und schnaubt und plötzlich blitzschnell umdreht, als hätte es den furchtbarsten Dämon, den es gibt, gerade gesehen, das hängt von dir ab. Hast du dein Pferd bereits vorbereitet, Gewässer zu überqueren? Hast du mit deinem Pferd bereits zu Hause entsprechend trainiert, dass es dieser Herausforderung jetzt gelassen gegenübersteht? Hast du in dieser Situation Geduld und lässt es in Ruhe an das Wasser gewöhnen oder bist du in Eile und möchtest einfach nur so schnell wie möglich über den Bach?
Die langjährige Pferdetrainerin Karen Qualls aus Chino Hills/Kalifornien begann ihre reiterliche Laufbahn als Geländereiterin. Sie und Randy Raykovichs Parrs Lucky Money, der die 2006 die APHA Open Senior Trail Honor Roll anführte, zeigen in verschiedenen Trainingseinheiten, wie man einfach und ohne Hokuspokus Gewässer überquert. Qualls meint: „Pferde haben oft keine Idee, was Wasser wirklich ist. Sie denken, dass es ein dunkles Loch ist, in das sie hineinfallen können.“ Sie erklärt, dass es die Aufgabe des Reiters ist, seinem Pferd zu erklären, dass das Wasser nicht gefährlich ist. Doch zuerst musst du die Angst und die Beweggründe des Pferdes verstehen. Pferde sehen das Überqueren von Wasser nicht als etwas an, was sie unbedingt tun müssen.
Die Aufgabe des Reiters ist, seinem Pferd zu erklären, dass Wasser nicht gefährlich ist.
Wähle einen Bach, der nicht zu tief und nicht zu breit ist, um deinem Pferd das Überqueren von Gewässern zu beizubringen.
Ein wichtiger Schritt im Training ist, die Angst des Pferdes zu verstehen. Das Vertrauen des Pferdes zu gewinnen, ist hier besonders hilfreich.
„Versetze dich in die Lage des Pferdes. Es hat wirklich Angst. Wenn du selbst vor etwas große Angst hast und jemand zwingt dich, etwas zu tun, würdest du dich wehren. Wenn du Höhenangst hast und jemand stellt dich auf das Dach eines 12-stöckigen Gebäudes und fordert dich nun auf, die außen liegende Feuerleiter hinunterzuklettern, flippst du auch aus. Du möchtest dich erst langsam mit dem Gedanken anfreunden, in schwindelnder Höhe hinunterklettern zu müssen.“
Wir möchten z.B. einen längeren Ausritt machen und einige Kilometer entfernt im Hause eines Freundes Rast machen. Ein Pferd hat nicht wie wir die gleiche Freude daran. Es möchte lieber fressen, schlafen und gepflegt werden. Es hat nicht wie wir die Motivation, von A nach B zu gehen. Du musst einfach versuchen, genau so wie ein Pferd zu denken – und genau auf das vergessen die Menschen.
Reite hinter erfahrenen Geländepferden durch das Wasser, denn dies hilft deinem Pferd, Vertrauen zu finden.
Wähle zu Beginn einen kleinen Bach
Anstatt deinem Pferd das Überqueren von Gewässern erst beim Ausritt zu erklären, empfiehlt Qualls, einen kleinen Bach für ein erstes Training auszuwählen. Wähle einen Bach aus, der nicht zu tief und nicht zu breit ist und wo der Einstieg zum Wasser nicht zu steil ist. Ein kleiner Bach ist weniger Furcht erregend für das Pferd. Qualls wählt maximal Kniehöhe oder niedriger für die ersten Male, damit das Pferd schneller Vertrauen fasst. Gewässer, die dem Pferd bis zum Bauch reichen, sind für das Tier sehr Angst einflößend. Es ist schwieriger, diese zu durchqueren.
Wenn man das Vertrauen des Pferdes gewinnt, ist dies sehr förderlich für den Trainingserfolg. Nimmst du also zuerst nur kleinere Bäche in Angriff, sind größere Gewässer danach viel einfacher zu überwinden. Qualls empfiehlt auch, nur dort Bäche zu überqueren, wo deutlich ein Weg zu sehen ist. Es ist nicht gut, wenn man den Weg verlässt und irgendwo einen Bach überquert, da sonst die Gefahr für das Pferd besteht, an einer Stelle im Bach hängen zu bleiben. „Ich ritt Pferde, die im Wasser plötzlich den Boden unter den Füßen verloren und dann aus dem Bachbett hinausklettern mussten.“ Solch eine Erfahrung kann ein Pferd noch mehr ängstigen, auch die Gefahr von Verletzungen – besonders an den Sehnen – ist sehr groß.
Hast du einen Bach für das erste Wassertraining ausgewählt, reite ruhig bis an das Ufer und lasse deinem Pferd Zeit, sich an die neue Umgebung und an das Wasser vor ihm zu gewöhnen. Lasse es mit den Hufen scharren oder, wenn es will, auch aus dem Bach trinken.
Ein Schritt nach dem anderen
Wenn du einmal einen Bach für die ersten Wasser-Erfahrungen deines Pferdes ausgewählt hast, reite ruhig bis ans Ufer und lasse deinem Pferd Zeit, sich in Ruhe umzusehen. Normalerweise bleibt das Pferd stehen. Qualls zwingt es dann nicht, weiter zu gehen. Sie erlaubt ihm, stehen zu bleiben, sich das Wasser anzusehen – solange es das will. Wenn du in dieser Situation versuchen würdest, mit Druck das Pferd zum Vorwärtsgehen zu zwingen, wird die Angst des Pferdes nur größer, weil es nicht genug Zeit hat, die neuen Eindrücke aufzunehmen. Qualls erklärt, dass manche Pferde auf die Seite sehen und nicht in die Richtung des Wassers.
Der wichtigste Schlüssel ist Geduld, sagt Qualls. Wenn du das Pferd nicht zwingst, dann kommt der natürliche Instinkt des Pferdes zum Vorschein. Es wird am Wasser riechen und ein bisschen vorwärts gehen, ohne Angst zu haben.Idealerweise kannst du dein Pferd am losen Zügel zum Wasser reiten, damit es den Kopf nach unten senken kann, um den Bach zu untersuchen. Manche Pferde haben sehr große Angst vor Wasser und versuchen dann rückwärts zu gehen oder gar umzudrehen. Wenn du langsam auf das Bachufer zureitest, kannst du austesten, wie weit der Bereich rund um das Wasser geht, wo dein Pferd sich noch wohl fühlt. Dort lässt du es dann ruhig stehen.
Wenn es in Panik gerät oder dich sogar überrascht, indem es versucht umzudrehen und zu flüchten, wäre ein entsprechendes Vorbereitungstraining zu Hause empfehlenswert. Beispielsweise reitet Qualls mit keinem Pferd ins Gelände, das nicht bereits den Zügelhilfen nachgibt, seinen Kopf auf Kommando senkt, auf Beinhilfen korrekt reagiert und rückwärts treten kann. Wenn ein Pferd versucht, unvermutet umzudrehen, nimmt Karen den Kopf des Pferdes in Richtung ihres Knies und reitet auf einen kleinen Zirkel. Sie reitet kontrollierte Kreise und versucht, das Pferd vom Wasser abzulenken. Sie übt Lektionen, die das Pferd bereits beherrscht und mit welchen es sich wohl fühlt, wie z.B. dem Zügeldruck nach unten nachzugeben. Dann lässt sie das Pferd wieder den Bach betrachten, aber dieses Mal aus einer etwas größeren Entfernung. Wenn es dann ruhig zum Bach sieht und vielleicht auch noch seinen Kopf ein wenig senkt, fordert es Qualls sanft auf, in Richtung Wasser zu gehen. Einen Fuß nach dem anderen.
Wenn das Pferd im Wasser stehen bleibt und mit den Hufen im Wasser spielt, lässt sie dies für einige Zeit geschehen. Wenn es rückwärts geht, um die Situation nochmals zu prüfen, lässt sie auch dies zu, so lange es ein Rückwärtstreten Schritt für Schritt ist und keine Flucht.
Das Ziel ist, dem Pferd das erste Überqueren eines Baches als positives Erlebnis zu zeigen und nicht einfach nur von einer zur anderen Seite zu reiten.
Wenn es zwei Schritte macht und dann stehen bleibt, dann lobe es. Jeder Schritt, jeder Zentimeter sind ein Meilenstein. Lobe dein Pferd für jeden Schritt und gehe dann zum nächsten Schritt weiter. Sei nicht zu ehrgeizig.
Du musst nicht gleich beim ersten Mal die Überquerung bewältigen. Es ist besser, gegebenenfalls am halben Weg durch das Wasser abzubrechen, als das Pferd durch den Bach zu zwingen. „Lasse dein Pferd nicht vor dem Wasser davonlaufen. Reite einfach für einige Minuten am Ufer auf und ab und wende dann allmählich ab. Du kannst ja ein anderes Mal weiterüben.“
Beginne daheim
Du solltest die ersten Wasser-Übungen daheim machen. Viele Pferde überqueren das erste Mal einen Bach mit Leichtigkeit, doch ist es trotzdem zu empfehlen, das Pferd daheim darauf vorzubereiten.
Hast du einen Reitplatz im Freien, kannst du beispielsweise nach einem Regentag auf dem Reitplatz bei Pfützen üben, um auszutesten, wie dein Pferd darauf reagiert, wenn seine Hufe nass werden. Es gibt durchaus Pferde, die beim kleinsten Regentropfen bereits die Krise bekommen.
Qualls erzählt: „Wir haben bei uns 40 Pferde und 5 oder 6 davon hassen das Wasser. Sie hassen es, auf den Waschplatz zu gehen oder abgespritzt zu werden. Wenn es geregnet hat, springen sie über die Lacken.“
Am besten beginnst du mit deinem Wassertraining an einer Regenpfütze. Beginne vom Boden aus, das Pferd durch die Pfütze zu führen. Erlaube deinem Pferd auch hier, seinen Kopf zu senken und das Unbekannte zu erforschen. Dasselbe wiederholst du vom Sattel aus. Es ist wie beim Springen lernen. Du beginnst auch nicht gleich mit hohen Hindernissen, sondern mit Bodenstangen und mit Cavalettis. Qualls empfiehlt, nach der Pfütze zur Wasser-Box überzugehen. Es muss keine turniertaugliche Box sein. Es kann eine ganz flache Box sein, wichtig ist nur, dass sich das Pferd nirgendwo verletzen kann. Wie bereits bei der Pfütze führst du das Pferd vom Boden aus zuerst durch die wasserfreie Box. Danach durch die mit Wasser befüllte Box. Danach wiederholst die Übung wieder vom Sattel aus.
Pferde, die daheim mit etwas Neuem konfrontiert werden, reagieren im Gelände viel entspannter.
Oftmalige Wiederholungen sind beim Training besonders wichtig. „Wir arbeiten unsere Pferde in diesem Bereich regelmäßig. Wenn man nur einmal im Jahr einen Bach überquert, hat das Pferd diese Lektion beim nächsten Mal bereits wieder vergessen. Man muss wieder von vorne beginnen.
Das Kumpel-System
Der leichteste Weg, seinem Pferd das Durchqueren eines Baches zu lernen, ist, mit einem erfahrenen Ausreitpferd als Begleitung durch das Wasser zu gehen. Das ist der zwangloseste Weg überhaupt. Aus Sicherheitsgründen sollte man sowieso niemals alleine ins Gelände reiten. Lass das erfahrene Pferd vorangehen, es am Wasser riechen und mit den Hufen im Bach plantschen. Die anderen Pferde beobachten dies genau und erkennen, dass das Wasser nicht gefährlich ist. Pferde sind Herdentiere und lernen oft durch Imitation. Die Anwesenheit eines erfahrenen Pferdes beruhigt den Neuling, der das erste Mal vor dem Bach steht.
„Ich lasse das erfahrene Pferd in und aus dem Bach gehen und um die anderen Pferde herum. Wenn ein erfahrenes Pferd ruhig in und aus dem Bach geht, sendet es entsprechend entspannte Signale zu den anderen Pferden. Das beruhigt ein unerfahrenes Pferd und motiviert es, auf das Wasser zu sehen.“ Qualls lässt das erfahrene Pferd voran durch den Bach reiten. Im Normalfall wird das andere Pferd problemlos seinem Kumpel folgen.
Erlaube deinem Pferd, seine Schulter an die Hüften des vorderen Pferdes zu drücken, dies gibt ihm ein Gefühl von Sicherheit. Dementsprechend vorsichtig sollte man sein Begleitpferd auswählen, denn es muss diese Nähe auch problemlos zulassen.
Qualls reitet das unerfahrene Pferd mit einem Halfter und darüber mit einem einfachen Zaum. Dies bietet die Möglichkeit, für den Reiter des erfahrenen Pferdes, den Bach-Neuling eventuell mit Hilfe eines Strickes durch das Wasser zu leiten. Qualls rät allerdings davon ab, dass der Reiter sein unerfahrenes Pferd zu Fuß durch das Wasser führt. Dies sollte man eher daheim machen. Das erfahrene Pferd zeigt dem Neuling den besten Weg durch das Wasser. Dies schließt auch ein eventuelles Überspringen des Wassers eher aus, obwohl Qualls der Meinung ist, dass dies auch okay wäre. „Ich sage immer, lass dein Pferd ruhig über den Bach springen, denn immerhin bewegt es sich dabei vorwärts. Das Pferd wird mehrere Male springen und dann einmal mit den Vorderbeinen Wasserkontakt haben und irgendwann realisieren, dass ihm das Wasser nichts tut. Wenn dein Pferd über einen schmalen Bach springt, überquere diesen so lange, bis es nicht mehr springt. Wenn ein Pferd mutig genug ist, über einen Bach zu springen, wird es irgendwann einmal mutig genug sein, ins Wasser zu steigen.“
Kann dein Pferd einmal erfolgreich kleinere Bäche überqueren, kannst du dich zu größeren Wasserüberquerungen steigern. Hast du anfangs langsam und geduldig am Wasserhindernis gearbeitet, wird jeder Ausritt für euch in Zukunft auch beim Überqueren von Gewässern ein Vergnügen sein.
Treffe Karen Qualls
Obwohl Karen Qualls eine der besten Pferdetrainerinnen mit mehreren World Show-Titeln ist, hat ihre reiterliche Laufbahn als Geländereiterin in La Habra Heights (Kalifornien) begonnen, wo sie aufgewachsen ist. Sie ritt bereits 7 oder 8 Jahre, bevor sie zum ersten Mal in eine Arena einritt. Sie ritt in den ersten Jahren einfach nur durch das Bergland.
Qualls erste Trainerjobs waren das Einreiten junger Pferde und die Hilfestellung für Reiter mit Pferdeproblemen.
Sie arbeitet derzeit für Premier Performance Horses in Chino Hills (Kalifornien) und trainiert dort 30 bis 40 Paint Horses. Sie trainiert All-Around Show Horses, junge Reiter und Amateure in Western-Disziplinen, englischer Reitweise und Fahr-Disziplinen.
Wenn sie nicht gerade landesweit auf Turnieren unterwegs ist, liebt sie es, gemeinsam mit ihrem Hund Jade auszureiten. Wenn es dann darum geht, einen Bach zu durchqueren, hat Jade mehr Enthusiasmus als Reiter und Pferd zusammen.